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S-Boote in der Kriegsmarine 1935 - 1945

Verlust "S 223"

Oblt.z.S. Enno Brandi 1945 - Bild: Archiv Brandi

Besatzung "S 223" bei der Indienststellung am 30.10.1944 in Travemünde - Bild: Archiv Brandi

Am 30.10.1944 übernahm Oblt.z.S. Enno Brandi bei der Schlichting-Werft in Travemünde das Boot "S 223". Aus seiner Feder stammt der Bericht über den Untergang des Bootes nach einer Minenauslösung am 07.04.1945 auf dem Schelde-Themse-Weg. Herr Brandi lebt heute als Rentner in Münster/Westfalen.

 

"S 223" in der südlichen Nordsee - Bild: Archiv Brandi

"Aufgabe war es, mit fünf Booten der 6. S-Flottille ein Stück des Geleitweges, der von der Themse- zur Scheldemündung führte, mit Grundminen zu verseuchen. Gegen 21:00 Uhr liefen wir in Hoek van Holland aus.

"S 212" (Stabobersteuermann Schanno), "S 706" (Obersteuermann Waldhausen), S 704" (Oberleutnant zur See Korn), "S 705" (Kapitänleutnant Hemmer), "S 223" (Oberleutnant zur See Brandi). 

Jedes Boot hatte sechs Grundminen an Bord. Gleich nach dem Auslaufen hängte sich noch ein Boot an mich an. Da ich keine Ahnung hatte, wer das sein konnte, kam ich schrecklich in Brass und ließ die ganze Flottille stoppen. Ich erfuhr dann, dass es Kptlt. Seeger mit "S 204" von der 4. SFltl war.

Die Fahrt wurde dann planmäßig wieder aufgenommen, doch mussten wir nach kurzer Zeit abermals stoppen; Waldhausen ("S 706") wurde wegen Maschinenschadens entlassen. So wurde zum größten Ärger von Karlemann Hemmer aus den geplanten zwei Gruppen mit je drei Booten nur noch eine mit fünf Booten.

Nach planmäßigen etwa 50 sm Westkurs, die wir wegen der hellen Nacht und der damit verbundenen Fliegergefahr in Keilformation liefen, gingen wir auf etwa 220o, um nach einer nochmaligen Kursänderung auf Südkurs rechtwinklig auf den Geleitweg zu stoßen. Das Fahren war durch den erheblichen Seegang ziemlich anstrengend und mühsam. Gegen 23:00 Uhr schoren wir wieder in Kiellinie ein, es war nicht mehr weit bis zu unserem Ziel.

 Kurz darauf geschah es. Alles ging blitzschnell und rollte ab wie in einem Film. Es gab im Boot einen harten, trockenen Schlag, nicht wie bei einer Fliegerbombendetonation. Ich flog gegen die Steuerbordseite der Kalotte, drehte mich sofort nach achtern um, hörte noch ein eigenartiges Rauschen in den Maschinen und sah achtern nur noch Wasser. Die Back, das ganze Vorschiff stieg vor mir fast senkrecht in die Höhe, ich musste mich festhalten, um nicht zu stürzen. Mein erstes Wort war "ein sehr hartes". August Graf, meine seemännische Nr. 1, sagte noch zu mir: "Wir müssen aussteigen!", als wir auch schon beide mit einem Satz über die Backbordseite ins Wasser sprangen.  Werner und der Fähnrich Friedrich hinterher. 

Im Wasser merkte ich vor Erregung erst nicht viel von der Nässe und Kälte. Ich sah nur noch das Vorschiff kerzengerade absinken, wobei es durch die entweichende Luft ein grausiges Geräusch verursachte, was mich an einen Walfisch denken ließ. Glücklicher Weise hatte ich eine vollaufgeblasene Schwimmweste um, so dass ich mich ohne viel Mühe schwimmend etwas nach Backbord vom sinkenden Boot absetzen konnte. Ich sah vor mir ein schwarzes längliches Etwas im Bach schwimmen, was sich zur größten Freude als eine der beiden Kapockfloßmatten herausstellte. An einem der Gurte konnte ich mich festhalten und rief dann wahrscheinlich ziemlich durchgedreht in die stockfinstere Nacht hinein: "Hierher kommen!". Nach und nach kamen einige mehr oder weniger fluchende Gestalten angeschwommen. Sie konnten sich auch an dem Floß festhalten.

Etwa 100 m entfernt von dem sinkenden Vorschiff sah ich in einer anderen Richtung - die Orientierung hatte ich mittlerweile völlig verloren - das Achterschiff mit dem Spiegel nach oben wie einen Kasten schwimmen und schnell sinken. Mein erster Gedanke war, wo waren denn die anderen Boote. Wir waren inzwischen eine ganze Gruppe an meinem Floß und schauten vergeblich in die schwarze Nacht nach den anderen Booten der Flottille.

Ich ließ abzählen und mir die Namen sagen. Geils, direkt links neben mir, etwas hysterisch, er war irgendwo gegen geflogen und hatte Schmerzen. Ich bließ ihm so gut es ging die Schwimmweste auf, wobei mir übel wurde, da man die Luft so pressen musste. Dann waren da noch Zupp, Schlösser und Janessa die beien Seekadetten, der Fähnrich Horeis sowie rechts von mir der gute Sparty, Werner, Fähnrich Friedrich und Zöpfgen, der nicht einmal eine Schwimmweste um hatte. Graf schwamm auch heran und wirkte in seiner schicken Art sehr beruhigend auf mich und die Soldaten, .....................................

Bevor wir uns eigentlich über unsere doch recht hoffnungslose und verzweifelte Lage klar wurden, unterhielten wir uns, jeder um etwas beruhigend zu wirken, über mehr oder weniger belanglose Dinge. Friedrich meinte, dass er im vorigen Jahr schon am 27. März gebadet hätte. Mit Sparty sprach ich über Tuch , den anderen Funker, der wahrscheinlich nicht mehr aus dem Funkraum nach oben kommen konnte.

Aber bald kam uns unsere schreckliche Lage und das vorangegangene Ereignis mit all seinen grausamen Folgen recht schnell zum Bewußtsein als wir nämlich aus zielmlicher Entfernung schreckliche Rufe hörten: "Hilfe! Helft mir doch! Wo seid ihr denn?" und ähnliches. Wir konnten aber nicht helfen, wir waren schon zu weit weg, hätte einer das Floß losgelassen und wäre er losgeschwommen, wäre er nicht weiter als 10 - 20 m gekommen.

Jetzt befiel uns alle die Angst. Kommen die Boote? Haben sie es überhaupt gemerkt? Werden sie uns wiederfinden? Es war so gemein dunkel und zu allem Übel noch ein ziemlicher Steam, dass man gar nicht weit sehen konnte, war man doch selbst mit den Augen nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche. In jeder sich brechenden Welle, in jedem Kräuseln des Wassers sahen wir die Boote. Aber es waren alles nur Einbildungen. Graf und ich beruhigten die Leute etwas. Doch wie schwer fiel einem selbst das, wo man doch selbst nicht mehr an Rettung glaubte. Die Boote mussten es doch gemerkt haben, es war doch noch ein Boot hinter uns. Ja, richtig, wo war denn das? Warum hatte es nicht gleich gestoppt? Das Wasser war kalt, verdammt, die Kleider waren so schwer und vollgesogen. Wie soll das enden?

Wieder glaubten wir die Boote wahrzunehmen, diesmal nicht mit den Augen, nein, ein Brummen war zu hören. Wir jubelten schon. Aber war das nicht ein fremdes Geräusch? Ich meinte, es seien die Gunboote. Aber es war uns schon egal, Hauptsache aus dem kalten Wasser raus. Aber es war wieder eine Enttäuschung. Das Brummen kan aus der Luft, es war ein Flugzeug. Wir hatten wohl alle den Gedanken: "Verfluchter Kerl, siehst du uns denn nicht?" Enttäuscht, ja völlig mutlos ließen wir die Köpfe hängen. Einige schrieen schon völlig sinnlos um Hilfe. Was nutzte es, wer sollte uns denn hören? Kräfte sparen!

Die Rufe von ferne wurden schwächer, hörten dann ganz auf, es war schrecklich. In unserer Gruppe wurde es still, jeder war mutlos, dachte an sich selbst, an seine Angehörigen und Anderes, was ihm wert und teuer war. So auch ich. Mir wurde klar, dass ich jetzt absaufe, regelrecht absaufe. Ich dachte, dass es vielleicht ein sehr schöner und ehrenvoller Tod werden würde, nein, nicht werden würde sondern war! Wer sollte uns denn jetzt noch rausziehen. Wenn die Flottille es nicht gleich machen konnte, war es jetzt unmöglich, uns, die wir nur eine winzig kleine Silhouette bei der rabenschwarzen Nacht boten, zu finden.

Aber wieder ein anderes Gefühl: "Du bist hier der Kommandant, bist der Älteste, kannst nicht vor den Leuten schlapp machen. Ich machte so noch ein paar Versuche, die Leute aufzumöbeln doch ohne viel Erfolg. Es gelang mir einfach nicht. Die Zeit schlich, nachdem sie erst so blitzschnell gerast war. Ich war wohl nicht der Einzige mit einer Uhr, doch dachte keiner daran, mal nach der Zeit zu sehen, wozu auch? Wir sprachen dann noch über die anderen Kameraden, die nicht bei uns waren. Wir mussten sie aufgeben, denn wie sollte einer von der Maschine da noch heil herausgekommen sein?

Es mochte wohl eine 3/4 Stunde vergangen sein, die uns wie eine ganze Nacht vorkam, als wieder ein Geräusch zu hören war. Alles wurde wieder lebendig, schöpfte neuen Mut. Ich weiß nicht mehr, wer es zuerst sagte, nein schrie: "Das sind unsere Boote!" Ein unbeschreibliches Gefühl. Ja, es konnten nur die Boote sein. Wir schrieen und pfiffen auf den Trillerpfeifen, die eigens zu diesem Zweck an den Schwimmwesten befestigt waren, aus Leibeskräften. Aber noch ein Wunder geschah, bei uns wurde es plötzlich taghell, ein Flugzeug hatte eine Leuchtbombe fallen lassen, was konnte es in diesem Augenblick besseres tun? Wir sahen so ein Boot, das genau auf uns zuhielt, sie hatten uns ja schon gesehen, doch schrieen immer noch einige aus Leibeskräften um Hilfe. Ich hielt das Boot für das Führerboot und schrie: "Herr Kaleu, ziehen Sie uns bitte aus dem Wasser raus!" oder irgendetwas völlig Dummes.

Es war aber "S 705" - Karlemann Hemmer. Jetzt hatte er gestoppt, wir schwammen genau an der Backbordseite des Bootes. Das Boot holte so stark über, dass man ab und zu mit erheblicher Wucht die Scheuerleiste auf den Kopf bekam und unter Wasser gedrückt wurde oder, was etwas günstiger war, mit den Händen nach der Reling greifen konnte, doch aus den völlig kraftlosen und aufgeweichten Händen entglitt sie einem sofort. Eine Leiter wurde herausgehalten. Einige griffen nach ihr. Schon lag sie im Bach. Tampen, Hände, alles wurde uns runtergehalten und entgegengereicht, doch wir konnten ja nicht festhalten. Der Adjutant Wolf von Wieser erschien an der Reeling, ich schrie ihm schrecklich in Brass rauf, er solle mal endlich etwas veranlassen, Schlauchboot aussetzen. Ich erinnerte mich dabei an einen Einsatz im Jahre 1942, wo ich bei Walter Schnebel an Bord auf diese Weise den Kptlt. Roeder aus dem Wasser gezogen hatte. Das Schlauchboot kam, Wolf und die Nr. 1 vom "S 705", Bootsmaat Koopmann, sprangen rein.

Mittlerweile waren auch schon Einige so herausgezogen worden. Nun aber ins Schlauchboot rein, die eigenen Kräfte waren total erschöpft, nach langem Würgen gelang es den beiden, mich reinzuzerren. August Graf hinterher. Er wurde gleich nach oben an Bord weitergereicht, wobei ich noch einmal vom Schlauchboot ins Wasser fiel. Jetzt bekam ich es plötzlich mit der Angst, ja eine Heidenangst, es war schrecklich. Wenn jetzt Zerstörer oder MGBs kommen, das Boot muss angehen, du bleibst im Wasser. Ich hatte keine Kraft mehr und schrie wohl nur noch. Nach langer Würgerei gelang es dem Leitenden von "S 705", Ob.Masch. Hemmen, mich mit Hilfe einiger Soldaten nach oben zu zerren. Jetzt war ich an Bord, stand an Oberdeck. Nein, es war nur ein Versuch, ich wollte stehen, klappte aber sofort wie ein nasser Sack zusammen. Jedenfalls gerettet! Ich blieb liegen, wo ich lag, über mich liefen Einigige hinweg und traten auch auf mich, es war mir völlig egal.

Auf allen Vieren kroch ich dann nach vorne, kletterte in den Stand, um mich bei Karlemann an Bord zu melden, aber von einer Meldung konnte wohl kaum die Rede sein. Ich stammelte und flüsterte irgendetwas und ließ mich den Niedergang zum K-Raum runterfallen. Mir  war hundeübel, habe wohl schrecklich gebrochen, wachte jedenfalls nach einer Weile in der Koje auf. Küffner, der Funker, hatte sich meiner angenommen, mich ausgezogen und mich mit warmen Decken in die Koje verfrachtet.

Im Unterbewußtsein hörte ich noch, dass Fahrt aufgenommen wurde, später, dass geschossen wurde. Wolf von Wiesner kam kurz runter, sah nach mir und berichtete, dass der Einsatz fortgesetzt wurde, um die Minen noch zu legen. Nach einer Weile des Duselns und Vor-mich-hin-Zitterns kam Karlemann kurz runtergestürmt. Wir freuten uns beide, er, dass ich hier so unversehrt lag, und ich, dass er es war, der mich rausgezogen hatte. Sie waren schon auf dem Rückmarsch, alles war klar gegangen, die Minen gelegt.

Ich wurde nach und nach wieder lebendig und erkundigte mich, wer alles gerettet worden war. Nach einigen wenig erfreulichen Fehlmeldlungen und Missverständnissen stellte sich heraus, dass 11 Mann im Ganzen gerettet worden waren. Auch Sparty und der Fährich Horeis fehlten. Sie waren doch bis zuletzt bei uns an der Bordwand unten. Kptlt. Seeger hatte auch noch zwei Mann, von denen wir im Wasser gar nichts gemerkt hatten, Kohr und Voigt, die beide so wie auch Geils erst vor einem halben Jahr mit "S 91" schon einmal abgesoffen waren.

Als wir dann in Hook van Holland einliefen war ich wieder ziemlich mobil. Die 4. SFltl lag dort noch und wartete auf zwei Boote. Achim Wienke und Steinhauer fehlten, sie sind auch nicht mehr zurück gekommen.

Erst in Rotterdam sehe ich den Chef, Kptlt. Matzen. Er war sehr ernst und traurig. 20 meiner Soldaten fehlten. Sie haben den Seemannstod gefunden:

St.Ob.Masch. Rudolf Brümmer FunkOb.Gefr Ullrich Tuch
Masch.Ob.Maat Wilhelm Schmitz Funk.Ob.Gefr. Günter Sparty
Masch.Maat Ernst Irtel Masch.Hpt.Gefr. Johannes Müller
Fähnr. (Ing) Ortwin Bebendererde Masch.Hpt.Gefr. Heinz Reile
Fähnr.z.S. Wilfried Horeis Masch.Hpt.Gefr. Otto Lübcke
Matr.Ob.Gefr. Willy Menzel Masch.Ob.Gefr. Gerhard Wehenkel
Matr.Gefr. Heinz Jung Masch.Gefr.Josef Kapaunig
Matr.Gefr. Heinz Helmholz Masch.Gefr. Erich Klingbeil
Matr. Gefr. Willy Schafstedt Verw.Hpt.Gefr. Werner Kuhnaht
Mech.Ob.Gefr. (T) Herbert Degel San.Ob.Gefr. Joachim Kreuzmann

              Den Untergang von "S 223" überlebten: OBtsmMaat Graf, Matr. Werner, Matr.Gefr. Zöpfgen, Matr. Zupp, Matr. Kohr, MatrGefr. Voigt, MatrGefr. Geils, Matr. Janessa, MatrGefr. Schlösser, Fähnr.z.S. Friedrich und Oblt.z.S. Brandi."

 

Die 11 Überlebenden von "S 223" in Rotterdam - Bild: Archiv Brandi

   

S-Boots-Verluste